Am Nachmittag erst das Seminar, am Abend das erste Tutorial. Innerhalb von Stunden vom geübten Leser zum völligen Anfänger — und ich hatte vergessen, wie sich das anfühlt. Der Cursor blinkt, und ich weiß noch nicht einmal, wo die Frage anfängt.
Es sind unterschiedliche Muskeln, glaube ich. Einen Text zu deuten heißt, im Ungefähren auszuhalten; Code zu schreiben heißt, das Ungefähre so lange einzukreisen, bis nur noch eine Lesart übrig bleibt. Beides ist Genauigkeit, nur von zwei Seiten her gedacht.
Heute lief am Ende ein Programm aus drei Zeilen. Lächerlich klein. Trotzdem dieser unverhältnismäßige Stolz, den man sonst nur kennt, wenn ein Absatz endlich sitzt.
Nach dem Training ist der Kopf leer, und zwar auf die gute Art. Drei Runden am Sack, und plötzlich ist das halbe Gedankenkarussell, das mich den ganzen Tag begleitet hat, einfach nicht mehr wichtig.
Ich merke immer deutlicher, dass das Lesen und das Boxen kein Gegensatz sind, sondern ein Gegengewicht. Das eine fragt, das andere antwortet ohne Worte. Wenn ich beides weglasse, kippt etwas.
Vorsatz für die nächsten Wochen: nicht härter, sondern regelmäßiger. Zweimal die Woche, verlässlich, statt einmal heroisch.
Mein altes Arbeitsprinzip — kleine Häppchen, kein Stress — lässt sich offenbar auch auf alles andere übertragen. Auf das Coden ohnehin. Aber auch darauf, abends früher Schluss zu machen, mittags etwas zu kochen, das diesen Namen verdient, mehr Wasser, weniger Bildschirm vor dem Schlafen.
Nichts davon ist eine Revolution. Es ist eher das Gegenteil: die Einsicht, dass Veränderung selten als großer Entschluss kommt und fast immer als eine Reihe unscheinbarer Tage.
Dieses Journal soll genau diese Tage festhalten. Nicht die Vorsätze, sondern was wirklich passiert ist.
Ich fange dieses Journal aus einem schlichten Verdacht heraus an: dass ich gerade mitten in einer Phase stecke, die ich erst in ein paar Jahren als solche erkennen werde — wenn sie längst vorbei ist und ich mich nicht mehr erinnere, wie es war.
Studium zu Ende bringen, nebenher coden lernen, weiter trainieren, ein bisschen gesünder leben. Vier Fäden, die sich gerade verknoten und entknoten, je nach Woche.
Schreiben ist für mich immer schon das Mittel gewesen, etwas erst zu bemerken. Vielleicht hilft es auch hier. Mehr verspreche ich mir nicht — und das ist schon genug.